Wie gut, dass es in der Welt keine wirklichen Probleme gibt, könnte man denken, wenn man sieht, mit welcher emotionalen Wucht sich gebildete Menschen über wissenschaftliche Plagiate oder die Wiki-Bücher unserer Verlagstochtergesellschaft auf Mauritius aufregen!
Besonders Originelles gab neulich der Geschäftsführer der deutschen Wikimedia – ein Pavel Richter – in der TAZ (18.7.2011) über uns zum Besten: Die Wikimedia Foundation prüfe nun rechtliche Mittel, weil der Verlag mit dem Text “Aktuell & In hier ist Wikipedia drin!” werbe.
Hmm, wahrscheinlich weiß Herr Richter nicht, dass es selbstverständlich ist, den Kunden vor Kauf eines Buches darüber zu informieren, worauf er sich einlässt. Und dass große Buchhändler und der Verbraucherschutz unsere Verlagstocher genau darum gebeten hatten. Und nun will Richter das wieder vom Cover weg haben…
Na ja, wir haben ihn freundlich angeschrieben und ihn gebeten, er möge doch einfach mitteilen, welchen Hinweis auf Wikipedia-Inhalte im Buch er denn für “angemessen” hielte – genau den würden wir dann drucken. Was glauben Sie, was die Antwort war? Keine, Herr Richter antwortet einfach nicht. Vielleicht ist er ja so beschäftigt oder er hat einfach keinen Humor. Oder beides zusammen?
Wie auch immer, da gefällt mir ein anderer Zeitgenosse deutlich besser. Er heisst Priv. Doz. Dr. Stefan Weber und betreibt die sehr lesenswerte Site http://plagiatsgutachten.de, auf der ich schon seit längerem mit ihm diskutiere. Mittlerweile mag ich ihn richtig! Heute habe ich ihm eine Diskussion über die Wissenschaftlichkeit seiner Emotionen aufgedrängt, die ich hier gerne vorstelle:
Lieber sw,
heute morgen beim Sport kam mir eine Idee, die ich mit Ihnen gerne besprechen möchte.
Zunächst habe ich mich gefragt, was mich eigentlich an dieser Plagiate-Wiki-Diskussion so stört: Es ist die Tatsache, dass diese Diskussion mit mangelhafter Wissenschaftlichkeit geführt wird!
Nun gehen Sie nicht wieder wie ein HB-Männchen an die Decke – lassen Sie mich das folgend erläutern. Sicher trage ich selber erheblich dazu bei, z. B. mit Interviews wie in der Leipziger Volkszeitung erschienen. Übrigens konnte ich leider letzte Woche nicht an einer TV-Diskussion zum Thema teilnehmen, werde ich aber bei nächster Gelegenheit nachholen, um noch mal richtig vom Leder zu ziehen und die Sache weiter anzuheizen. Sie sehen, das macht Spaß, das verbuche ich aber unter der Rubrik “Das Volk will unterhalten werden.” Neben meiner Tätigkeit als Showmaster bin ich aber auch Wissenschaftler, und da wundert mich einiges:
Nehmen wir zunächst die aktuelle Diskussion über wissenschaftliche Plagiate, insbesondere bei Dissertationen. Viele – Sie sind einer der Wortführer – regen sich darüber in erheblichem Maße auf. Warum eigentlich?
Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege. Sie regen sich darüber auf, weil hier jemand gegen eine Norm verstoßen hat (konkret: eine Promotionsordnung), auf die sich alle Beteiligten geeinigt hatten, und sich somit einen Titel erschlichen hat, der ihm laut Norm nicht zusteht. Ok, nachvollziehbar!
Wie sieht es nun bei den Wiki-Büchern aus? Auch hier herrscht große Aufregung. Nicht klar ist mir allerdings, gegen welche Norm(en) hier verstoßen wird, die diese Aufregung rechtfertigen könnten. Schauen wir uns zunächst einmal an, welche Normen überhaupt in Frage kommen könnten:
a) Promotionsordnungen: wohl kaum.
b) Lizenzen, unter denen die Wiki-Autore ihre Texte gestellt haben (zB GNU oder Creative Commons):
Es ist nun nicht so, dass findige Juristen mit gewagten Auslegungen zu dem Ergebnis gekommen sind, man könne solche Wiki-Texte auch kommerziell nutzen. Nein. Die kommerzielle Nutzung von Wiki-Texten wird in diesen Lizenzen derart explizit genannt, dass man fast von einer Forderung zur kommerziellen Nutzung des Urhebers sprechen muss. Ganz sicher liegt aber bei der kommerziellen Nutzung von Wiki-Texten kein Normverstoß gegen diese Lizenzen vor.
c) Gesetzbücher:
c1) in Frage kämen z.B. das Urheber- und/oder Verlagsgesetz. Um es abzukürzen: Auch hier liegen keinerlei Normverstöße vor. Interessant ist aber z. B. der Aspekt, dass gemäß Verlagsgesetz ein Autor in der Regel (!) für seine Werke vom Verlag angemessen vergütet werden muss (!!) – es gibt nur eine Ausnahme, die der Gesetzgeber auf expliziten Wunsch der Wiki-Gemeinde eingeführt hat: eben für Texte, die unter einer solchen freien Lizenz stehen. Es ist urheberrechtshistorisch hoch interessant, dass explizit für Wiki-Autoren eine Ausnahme von der ansonsten verpflichtenden Vergütung des Autors eingeführt wurde. Fazit aber auch hier: kein Normverstoß.
c2) in Frage kämen auch Regelungen des Verbraucherschutzes, wonach der Käufer eines Produktes (hier: Wiki-Buch) wissen muss, was er da kauft. Alle Wiki-Titel enthalten auf dem Cover UND im Klappentext einen entsprechenden Hinweis (“Please note that the content of this book primarily consists of articles available from Wikipedia or other free sources online.”). Selbst wenn der Kunde das übersehen haben sollte, kann er vom Rückgaberecht Gebrauch machen und hat auch keinen Schaden. Eindeutiges Fazit auch hier: kein Normverstoß
c3) in Frage kämmen noch Sonderregeln des Marken- und Persönlichkeitsschutzes oder des Wettbewerbsrechtes. Aber auch hier wird man nur feststellen können: Kein Normverstoß.
Im Gegensatz zu den Diss-Plagiaten liegt also bei der kommerziellen Verbreitung von Wiki-Inhalten KEIN Normverstoß vor. Dennoch ist die Aufregung – gerade auch bei Leuten aus der Wissenschaft – groß. Ich zitiere nur mal Sie: “…bescheuerte Idee…”.
Und genau hier stört mich Ihre unwissenschaftliche Aufregung. Denn, wenn Sie sich aufregen, gehört es zur wissenschaftlichen Redlichkeit Ihre entsprechende Normbasis offenzulegen. Aber genau das tun Sie (u.v. andere) bisher nicht.
Sie könnten sagen: Ich bin Christ und für mich ist der Dekalog die Norm. Und Sie verstoßen mir Ihren Wiki-Büchern gegen Artikel x des Dekaloges. Das regt mich auf. Ok, einverstanden. Sie könnten auch sagen: Ich bin Kommunist und für mich ist das kommunistische Manifest die Norm. Sie sind mit Ihren Wiki-Büchern rein profitorientiert und damit nach meiner Norm ein Parasit. Ok, kann ich mit leben, einverstanden.
Aber all das höre ich nicht von Ihnen. Stattdessen: kontinuierliche, normvertuschende Aufregung – und das ist unwissenschaftlich.
Also lange Rede, kurzer Sinn, nun zu meiner Idee: Vielleicht haben Sie ja Lust oder kennen einen Kollegen, der eine Aufsatzsammlung zum Thema “Echte und unechte Plagiate” (o.ä.) publizieren möchte. Ich zumindest hätte großen Spass daran mich mit einem umfangreichen Beitrag über “Explizite und implizite Normen in Verlagen” zu beteiligen und genau das zum Thema zu machen, was ich oben kurz skizziert habe. Und dabei dann mein Konzept des von impliziten Normen befreiten Verlages vorzustellen und mich anschließend mit Eiern bewerfen zu lassen… Haben Sie Lust am wissenschaftlichen Diskurs?
Kind regards
Wolfgang Philipp Müller
PS: Und eine erste kleine Antwort hat er schon gegeben. Er sei Atheist, also kein Christ, und Kommunist schon gar nicht! Und auf den Rest würde er noch antworten – bin gespannt!!